Brot ist der Kopf von allem
Brot, in der einen oder anderen Form, ist seit prähistorischen Zeiten ein Grundnahrungsmittel der Menschheit. Seine älteste Form waren einfache, ungesäuerte Fladenbrote aus gemahlenen Wurzeln, Samen und Körnern wilder Pflanzen, die auf heißen Steinen über dem Feuer gebacken wurden. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass unsere Vorfahren diese Fladenbrote bereits vor über 30.000 Jahren aßen. Diese Entdeckung war vermutlich ein Zufall – jemand hatte einen primitiven Eintopf auf heiße Steine verschüttet. Selbst Jäger- und Sammlerkulturen schätzten Fladenbrote, nicht zuletzt, weil sie praktischer als Löffel oder Teller waren und weil sie fettreiche Fleischgerichte leichter erscheinen ließen.
Als sich im Nahen Osten, genauer gesagt im sogenannten Fruchtbaren Halbmond, der Ackerbau entwickelte, hielt Brot, so wie wir es heute kennen, Einzug in die Tafeln der alten Völker. Dazu gehörten nicht nur ungesäuerte Fladenbrote, sondern auch Hefebrot. Dieses wurde mit „wilder“ Hefe hergestellt, die aus der Luft in den Sauerteig gelangte. Auch dies war höchstwahrscheinlich ein Zufall: Man hatte entdeckt, dass man aus fermentierten Breiresten Bier brauen konnte und dass der Teig dadurch lockerer wurde. Teigreste oder Stücke von altem Brot, vermischt mit Wasser und Zucker, dienten als Sauerteig, ähnlich wie heute natürlicher Kwas hergestellt wird. Auch Bier und Traubenmost, vermischt mit Mehl oder Weizenkleie, wurden verwendet. Im antiken Griechenland und später in Rom war keine Mahlzeit ohne Brot vollständig. Tatsächlich leitet sich das slawische Wort für „Brot“ von den griechischen Tontöpfen „Klibanos“ ab, die zum Backen von Teig verwendet wurden. Im antiken Rom, wo Ordnung in allen Bereichen, auch in der Wirtschaft, einen hohen Stellenwert hatte, verlor das Backen zu Hause allmählich seine Beliebtheit. Der Bäckerberuf entwickelte sich zu einem hoch angesehenen Berufsstand, und die Bäcker begannen, sich in Zünften zu organisieren.
Mit dem Aufkommen des Christentums wurde Brot nicht nur zu einem lebensnotwendigen Nahrungsmittel, das selbst den Armen zugänglich war (manchmal sogar als ihre einzige Nahrung), sondern erlangte auch eine sakrale Bedeutung. Brot wurde zum „Leib Christi“. Es wurde mit großer Ehrfurcht behandelt, und selbst altes Brot wegzuwerfen, galt als unhöflich. Aus altem Brot wurde eine Suppe namens Tyurya zubereitet, indem man Brotstücke in Wasser einweichte und Zwiebeln und etwas Pflanzenöl hinzufügte – dies war die Speise der Armen oder derer, die streng fasteten. Kwas, hergestellt aus Brotkrusten, wurde zum beliebtesten und am weitesten verbreiteten Erfrischungsgetränk im Inland und gab sogar Anlass zu dem ironischen Ausdruck „Kwas-Patriotismus“.
In Russland, wie auch anderswo auf der Welt, wurde zunächst Weizenbrot gebacken. Roggen erwies sich jedoch als deutlich unkomplizierter und die Ernte wesentlich einfacher. „Roggen ernährt alle Narren, Weizen aber – sobald man sich bewegt“, so lautete das Sprichwort. In den Dörfern wurde Roggenbrot in jedem Haushalt nach einfachsten traditionellen Rezepten gebacken, während in den Städten Weizenbrot und aufwendiges Gebäck nur an Feiertagen auf den Tisch kamen. Gefüllte Pasteten tauchten übrigens ebenfalls zuerst als eine Art Brot auf, genauer gesagt als Hauptgericht mit passendem Brot, die zusammen zubereitet wurden.
Heutzutage kann man Brot in jedem Laden kaufen, doch wie bei industriell hergestellten Lebensmitteln hat das Vertrauen in Brot nachgelassen. Immer mehr Menschen backen selbst frisches, natürliches Brot und kaufen moderne Brotbackautomaten. Dabei ist es eigentlich ganz einfach, Brot wie im Dorf zu backen – und zwar im normalen Backofen. Man braucht nicht einmal einen komplizierten traditionellen Sauerteigstarter, der fast wie ein Haustier gepflegt werden muss (obwohl manche Leute solche Experimente mögen). Eine viel einfachere Lösung ist die Verwendung von Trockenhefe. Damit lassen sich selbst aufwendigere Brote wie Ciabatta oder Baguette schnell und einfach backen.
Wer gerne Brot mit Aromen wie Knoblauch oder Zwiebeln isst, kann sich diese Leckereien ganz einfach selbst zubereiten, ohne zum Bäcker gehen und für fremde Arbeit und aufwendige Werbung zu viel bezahlen zu müssen. Es ist sogar noch einfacher, sich selbst mit frischem Brot für die Lieblingssandwiches zu versorgen. Man kann es sogar ganz ohne Hefe, nur mit Backpulver, selbst backen.
Auch wenn Hungersnöte der Vergangenheit angehören, fühlt es sich immer noch unpassend an, altes Brot wegzuwerfen, das Ergebnis der Arbeit vieler Menschen. Ist ein Brotlaib nicht verschimmelt, sondern nur trocken, kann er problemlos wiederverwertet werden. Das gilt nicht nur für knusprige Croutons mit Käse und Knoblauch zum Bier, sondern auch für selbstgemachte Pizza mit Wurst oder Tomaten, für die amerikanische Variante von Charlotte (Strata), für leckere Quarkpfannkuchen zum Frühstück und sogar für eine echte Vanilletorte, die nicht einmal gebacken werden muss, da gepresste Semmelbrösel als Boden dienen.
Es ist unmöglich, alles aufzuzählen, was man mit Brot essen oder daraus zubereiten kann. Schließlich sagt man ja nicht umsonst: „Brot ist der Kopf von allem!“
